Pestkreuze und Absonderungshäuser.
Auf den Spuren von Epidemien

English version please click here.

Angeregt durch die gegenwärtige Weltlage, erkunde ich auf einer Velotour, ob ich in unserer Umgebung Spuren früherer Epidemien finden kann. Ergänzt durch eine Recherche, offenbarte sich diese Fahrt am Ende als kleine Tour durch die Medizingeschichte.

Die Pestkreuze von Ennetmoos

Die Radtour führt mich von Luzern über den Renggpass und den Mueterschwandenberg zum Weiler Allweg. Dort, auf einer Anhöhe in Ennetmoos im Kanton Nidwalden, befinden sich drei steinerne Kreuze, die im Volksmund als Pestkreuze bezeichnet werden. Pestkreuze können Grabstätten von Pesttoten kennzeichnen oder sie wurden als Erinnerung an die Epidemien errichtet. Als mächtige Schutzzeichen wurden Kreuze jedoch auch auf Ortsgrenzen oder entlang von Wegen aufgestellt, um die Bevölkerung vor Gefahren und Seuchen zu bewahren. Bei den Kreuzen auf dem Allweg lassen sich diese Deutungen allerdings archivalisch nicht belegen.1Odermatt Bürgi, Regula 1989. Die Wegkreuze auf dem Allweg in: Ennetmoos. Jubiläumsbuch zur 600-Jahr-Feier 1389–1989 hrsg. von der Gemeinde Ennetmoos. Paul von Matt: Stans, S. 82–83.

Die Pestkreuze in Allweg bei Ennetmoos

Die Kreuzgruppe mahnt an die Darstellung eines Kalvarienberges mit einem grösseren Kreuz in der Mitte, flankiert von je einem Antoniuskreuz. Antonius gilt als Schutzpatron der Bäuerinnen und Bauern und ihrer Nutztiere und im Mittelalter hat man sich von seinen Reliquien Schutz vor dem Antoniusfeuer erhofft – einer Krankheit, die durch Getreide verursacht wurde, das von Mutterkorn verunreinigt war. Die Interpretation, dass diese Kreuze zur Abwendung von Krankheiten aufgestellt wurden, scheint daher nicht unplausibel und hat sich, wenn nicht in historischen Schriftstücken, so doch im Alltagswissen niedergeschlagen. Historisch belegt ist, dass sie als Holzkreuze mindestens seit dem 17. Jahrhundert existiert haben und man ihnen eine gewisse Bedeutung beigemessen hat. Denn damals wurde beschlossen, dass die morsch gewordenen Kreuze auf Kosten der Obrigkeit wieder neu aufgerichtet werden sollen. Die heute noch sichtbaren Steinkreuze stammen – wie auf dem mittleren Kreuz vermerkt – von 1753 und stehen damit schon seit über 250 Jahren dort – wenn auch nicht immer am selben Ort. Als sie im frühen 20. Jahrhundert einer Überbauung zum Opfer zu fallen drohten, schrieb der damalige Präsident des Historischen Vereins an den Gemeinderat von Ennetmoos, „dass diese Kreuze zum Landschaftsbild gehören und wenn sie entfernt würden, müsste die Landschaft von ihrer Schönheit und ihrem Reize wesentlich einbüssen“.

Die Kreuze sind von der Strasse aus fast nicht zu entdecken

In der Gegenwart lässt sich diese reizende Landschaft nur noch erahnen. Die drei Kreuze wurden versetzt und sind von der Durchgangsstrasse aus fast nicht mehr sichtbar. Sie verbergen sich heutzutage hinter modernen, etwas charakterlosen Wohnblöcken. In deren Schatten wirken die verwitterten Kreuze entrückt und aus der Zeit gefallen. Der Standort verleiht ihnen fast einen intimen Charakter und als ortsfremder Tourist fühle ich mich unwohl, als ich auf der Strasse  hinter den Häusern anhalte, um mit der Kamera eine Foto zu schiessen. Mein Eindruck verstärkt sich zusätzlich, als beim Haus in meinem Rücken Fenster geschlossen und Gardinen gezogen werden. Früher, als die Kreuze noch weit herum sichtbar auf dem Hügel gestanden haben, waren sie wohl ein eindrucksvolles Zeichen und man kann sich gut vorstellen, dass ihnen eine wichtige Schutzfunktion zugesprochen wurde. Auf der Rückfahrt radle ich im Schuss nach Stans hinunter. Ich komme am Nidwaldner Kantonsspital vorbei und biege im Kreisverkehr Richtung Stansstad ab. Von da geht es im Schatten der Autobahn dem Vierwaldstättersee entlang zurück nach Luzern.

Der Fahrradweg unter der Autobahn zwischen Stansstad und Hergiswil

Das Luzerner Bürgerspital

In der Stadt passiere ich auf dem Rückweg das Polizeigebäude und Teile der städtischen Verwaltung. Bei der Recherche für diese Radtour stelle ich erstaunt fest, dass dieses wohlvertraute Gebäude noch bis zur Wende zum 20. Jahrhundert das zentrale Luzerner Spital war.2Schüpbach, Werner 1983. Die Bevölkerung der Stadt Luzern 1850–1914. Demographie, Wohnverhältnisse, Hygiene und medizinische Versorgung. Rex-Verlag: Luzern, Stuttgart, S. 228–243. Mitte des 17. Jahrhundert zur Versorgung von Durchreisenden, Armen, Kranken und Fürsorgeabhängigen der Stadt Luzern gebaut, wurde es im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Anlaufstelle für Pflegebedürftige des gesamten Kanton Luzerns.

Das ehemalige Bürgerspital, heute Teil der städtischen Verwaltung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs das Bürgerspital langsam über die Funktion einer Armenkrankenpflegeanstalt hinaus und die Kritik am Spital wurde immer lauter. Es wurde moniert, dass die Patientinnen und Patienten nicht nach Krankheit separiert untergebracht waren, das Pflegepersonal unqualifiziert und die Ärzte inkompetent seien. In den 1890er Jahren versuchte man die Anstalt noch zu modernisieren, doch genügte das Spital damaligen Anforderungen an ein öffentliches Krankenhaus immer weniger. Der Chefarzt der chirurgischen Abteilung pochte mit Vehemenz auf Verbesserungen im Bereich der Spitalorganisation, der Hygiene, der Krankenpflege und der medizinischen und chirurgischen Infrastruktur. Obwohl 1899 noch eine Röntgenanlage angeschafft wurde und die Heilungschancen im Spital gegenüber der häuslichen Pflege zunahmen, konnte das Bürgerspital mit dem medizinischen Fortschritt nicht mehr mithalten. Auch von den Kranken wurde mehr Disziplin verlangt und eingefordert, dass die „Trink- und Rauchgelage in den Patienten- und Rekonvaleszentenzimmern“ zu unterlassen seien. 1902 wurde das Bürgerspital schliesslich durch das noch immer existierende Kantonsspital abgelöst.

Das Bürgerspital an der Obergrundstrasse in Luzern in den 1880er Jahren
Quelle: ZHB Luzern Sondersammlung

Aus der Perspektive des Langsamverkehrs werde ich bei der historischen Darstellung des Bürgerspitals fast etwas wehmütig. Statt einer Blechlawine floss hier bis in die 1890er Jahren der Krienbach durch die Kleinstadt und Kinder konnten offenbar noch ungefährdet vom Verkehr hinter Hunden nachjagen. Unter dem Eindruck von besonders verheerenden Pockenepidemien und der zunehmend prekären Lage im Bürgerspital, plante die Stadt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein isoliert stehender Bau für Patientinnen und Patienten mit infektiösen Krankheiten. Verschiedene Optionen wurden geprüft doch stets wieder verworfen, nicht zuletzt aufgrund des Widerstandes von Anwohnerinnen und Anwohner und Besitzern der angrenzenden Grundstücke.3Meyer, Renward 1871. Memorial betreffend das projektirte Absonderungshaus des Bürgerspitals. Meyer’sche Buchdruckerei: Luzern Erst dreissig Jahre später und mittlerweile unter Druck des neuen Epidemiegesetzes des Bundes, gelang es den Stadtoberen ein neues Absonderungshaus am damaligen Stadtrand in Betrieb zu nehmen. Da dieses Haus noch immer steht, entscheide ich mich, meine Radtour mit einem Besuch dieses Gebäudes abzuschliessen. Der Weg dorthin offenbart sich als Zeitreise durch die Medizingeschichte Luzerns.

Das Blatternhaus und andere Spitäler

Das ehemalige Bürgerspital im Rücken, biege ich in die Kleinstadt ein und fahre am Westflügel des kantonalen Regierungsgebäudes vorbei. An diesem Ort stand vom 13. bis zum 17. Jahrhundert das Heilig-Geist-Spital der Stadt Luzern. Es befand sich damals in jenem Stadtteil, durch den die Pilgersleute kamen, die von Norden über den St. Gotthardpass nach Rom reisten.4Hermann, Claudia 2004. Das Luzerner Armenspital. Eine Architekturgeschichte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Spitalbauten im eidgenössischen und europäischen Vergleich. Schwabe: Basel, S. 53–55

Der ehemalige Standort des Heiliggeistspitals in der Kleinstadt, heute befinden sich hier der Westflügel des Regierungsgebäudes des Kantons Luzern und Parkplätze. Rechts im Bild die Franziskanerkirche

Der Ort war wohl bewusst gewählt, denn Spitäler waren damals weniger Orte der Heilpraxis, sondern insbesondere Gaststätten für Pilger und Herbergen für arme Personen. Während den Pestwellen wurde diese exponierte Situation zum Problem, da die Reisenden auch die Pest in die Stadt mitbrachten. In Luzern wurde deswegen 1580 die erste bekannte Pestordnung der Eidgenossenschaft erlassen und durch Grenzsperren wurde der Verkehr auf ein Minimum reduziert. Im Unterschied zur Landschaft oder anderen Schweizer Städten blieb die Stadt Luzern deshalb in den Pestwellen des 17. Jahrhunderts vor grösserem Ungemach bewahrt. Auf meiner Fahrt zum Absonderungshaus gelange ich stadtauswärts nach wenigen Metern zur ältesten, noch existierenden Apotheke der Stadt.

Die „Suidter’sche Apotheke“, gegründet 1833. Das Haus wurde im 16. Jahrhundert gebaut, die neugotische Fassade erhielt es 1906

An der Apotheke vorbei, komme ich an die Reuss und passiere den Standort des früheren „Blatternhauses“, der damaligen Isolationsstätte für Syphiliskranke. Davon ist heute jedoch nichts mehr zu sehen. An dessen Stelle führt heute die Geissmattbrücke über die Reuss. Hier, etwas ausserhalb der damaligen Stadtmauern, haben sich bis ins 18. Jahrhundert hinein verschiedene Institutionen gruppiert, die sich Kranken, Irren, Liederlichen oder anderweitig auffälligen Personen annahmen.5Horat, Heinz 2008. Architektur und Städtebau im Untergrund. Die Geschichte vom Leben im Quartier in: Alex Willener et. al. (Hrsg.) Projekt BaBeL: Quartierentwicklung im Luzerner Untergund. Interact: Luzern, S. 12–15 In südwestlicher Richtung befand sich, bloss etwas mehr als hundert Meter entfernt, das Sentispital mit dem Siechenhaus für Aussätzige. Davon ist heute noch die Sentikirche mit einer 1819 angebauten klassizistischen Fassade übrig geblieben. Schräg gegenüber befand sich das St. Jakobsspital, eine Herberge für Santiago-Pilger doch wurden dort auch der Hexerei verdächtigte Frauen und etwas später Bettler und Landstreicher festgehalten. Ab 1739 war es ein Waisenhaus.6Göttler, Werner 2001. Jakobus und die Stadt. Luzern am Weg nach Santiago de Compostela. Schwabe: Basel, S. 139–187 Zwischenzeitlich befand sich in dieser Gegend auch noch ein Gefängnis und die städtische Kaserne. Seit der Eröffnung der Autobahn in den 1970er Jahren steht dieses Areal jedoch ganz im Zeichen des Automobils und ist geprägt vom Durchgangsverkehr, einem Autobahnzubringer und einem klotzigen Parkhaus mit Fussgängerüberführung.

Der heutige Kasernenplatz: Früherer Standort des Blatternhauses und weiteren Spitälern

Eine Konstante dieses Stadtteils ist sein vergleichsweise unterprivilegierter Status. Über dieses Quartier schreibt der Stadtrat noch 1886:

„Einzig das Gebiet des Untergrund, wo Kanäle beinahe ganz fehlen, blieb bis jetzt in seinen unterirdischen Anlagen unverändert, obwohl auch dort die Nothwendigkeit einer geordneten Kanalisation nicht minder fühlbar ist, als in anderen Stadttheilen. Namentlich hat der trockene Sommer 1885 die bestehenden Übelstände in grellem Lichte erscheinen lassen, indem die offenen Kanäle, mangels zeitweiser Spühlung von Schmutzwasser angefüllt, die Umgebung verpesteten“7zit. nach Horat, Heinz 2008. Architektur und Städtebau im Untergrund. Die Geschichte vom Leben im Quartier in: Alex Willener et. al. (Hrsg.) Projekt BaBeL: Quartierentwicklung im Luzerner Untergund. Interact: Luzern, S. 19 

Als eines der letzten Stadtviertel profitierte der Untergrund von der Einrichtung einer Kanalisation. Die unterirdischen Abwasseranlagen sind – zumindest für das unwissende Auge – einer der unsichtbarsten Effekte der Pandemien und dem neuen medizinischen Wissen des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig sind sie jedoch in städtebaulicher wie in hygienischer Hinsicht wohl eine der nachhaltigsten öffentlichen Massnahmen zur Eindämmung von Ansteckungen.

Die Krankenhäuser im Untergrund: Das Sentispital mit dem Siechenhaus (rot), das St. Jakobsspital (gelb) und das Blatternhaus (oder Tollhaus/Franzosenspital) für Syphiliskranke (grün) auf der Stadtansicht von Franz Xaver Schumacher von 1792
Quelle: Staatsarchiv Luzern, PL5258

Die Kantonale Krankenanstalt

Auf meiner Velotour verlasse ich den Untergrund und überquere die Reuss auf der Geissmattbrücke. Kurz darauf komme ich am Kantonsspital vorbei. 1902 als „Kantonale Krankenanstalt“ gegründet, wurde die Klinik zur modernen Nachfolgerin des Bürgerspitals. Um die neue Institution von der damaligen Armenherberge im Obergrund abzugrenzen, wurde zunächst bewusst auf die Bezeichnung „Spital“ verzichtet. Erst 1938 wurde sie bei der Umbenennung in das heute „Kantonsspital“ wieder aufgenommen. Gebaut wurde das neue Krankenhaus an der damaligen Peripherie der Stadt, auf der noch leerstehenden St. Karli-Höhe.8Hermann, Claudia 2002. Gesundheit ist Lebensqualität: 100 Jahre Kantonsspital Luzern. Eine Ausstellung des Historischen Museums Luzern. Historisches Museum Luzern: Luzern

Kantonale Krankenanstalt Luzern, ca. 1920
Quelle: Kantonale Denkmalpflege Luzern (Fotografie von Emil Goetz)

Seither ist es ein modernes, dem jeweiligen Wissensstand der medizinischen Forschung entsprechendes Zentrumsspital. Die Wohnhäuser reichen mittlerweile bis ans Krankenhaus und es ist durch Zufahrtsstrassen und mehre Buslinien gut in das städtische Leben integriert.

Die Sicht auf die verbleibenden Pavillons der Krankenanstalt in der Gegenwart

Durch An- und Umbauten entwickelte sich das Krankenhaus stetig weiter und besteht heutzutage aus einer Ansammlung von Gebäuden und Spezialkliniken mit dem 1982 eingeweihten Spitalzentrum als prominentem Blickfang. In der aktuellen Ausbauphase werden eine neue Frauenklinik und ein Kinderspital gebaut, die 2025 eröffnet werden sollen.

Gebäudeansammlung des heutigen Kantonsspitals mit dem braunen Spitalzentrum von 1982

Hinter dem Spital, auf der anderen Seite der stark befahrenen Sedelstrasse, die zum Autobahnanschluss in Emmen führt, sind es nur noch wenige hundert Meter bis zum ehemaligen Absonderungshaus. Es ist das Ziel und meine letzte Station auf dieser Velotour.

Das Absonderungshaus im Hintergopplismoos

Wiederholte Pockenausbrüche, Luzerns Bedeutung als Tourismusort und politischen Druck durch das damals neue eidgenössische Epidemiegesetz zum „Schutz vor gemeingefährlichen Epidemien“ 1886 verlieh dem Bau eines spezifischen Gebäudes zur Isolation von Infektionskranken eine hohe Dringlichkeit. Die räumliche Isolation der Erkrankten war die einzig wirksame Methode zur Verhinderung von Epidemien. Zumindest bei bakteriellen Infektionen helfen heute auch Antibiotika und Infektionszimmer mit Unterdruckanlagen.9Lang, Beatrix 1995. Das Absonderungshaus im Hintergopplismoos. Luzerner Hauskalender (Meyer-Brattig). Jg. 194, S. 60–62

Das freistehende Absonderungshaus mit der Desinfektionsanstalt am linken Bildrand
Quelle: Absonderungshaus und Desinfektionsanstalt Luzern, ZHB Luzern

Nach einigen Provisorien und sich hinziehenden Querelen über den Standort, konnte die Stadt Luzern 1896 das Absonderungshaus auf dem damals noch freien und weitab der Stadt liegenden Gopplismoos in Betrieb nehmen. Es bestand aus dem eigentlichen Krankenhaus mit symmetrisch angelegten und geschlechtergetrennten Schlafsälen und der etwas versetzt stehenden Desinfektionsanstalt mit einem Desinfektionsapparat. Im Epidemiefall wurde das Haus von einem Abwartspaar unterhalten, das sich um Desinfektion, Heizung und die Küche kümmerte. Die Kranken wurden durch aufgebotenes Pflegepersonal und einem verantwortlichen Arzt betreut.

Blick in ein Schlafsaal des Absonderungshauses
Quelle: Absonderungshaus und Desinfektionsanstalt Luzern, ZHB Luzern

Bis zum Beginn der 1950er Jahre dienten die Häuser noch der Isolierung von Patientinnen und Patienten mit ansteckenden Krankheiten oder entsprechenden Verdachtsfällen. Danach hatten die mittlerweile veralteten hygienischen und technischen Einrichtungen und damit auch die Gebäude ausgedient. Nach einem Umbau zog 1953 die städtische Jugendherberge in die Anlage ein. Im ersten Jahr am neuen Ort wurde die Herberge bereits von 15’000 Gästen besucht, wovon rund 80 Prozent aus dem Ausland anreisten. Bis auf Angehörige der Staaten des damaligen Ostblocks, waren in der Gästeschar alle Nationen Europas vertreten. Dazu kamen Reisende aus den USA, Kanada, Neuseeland und Australien, Südafrika, Indien und aus weiteren asiatischen Staaten.10Luzerner Tagblatt, 13. April 1954; Luzerner Neueste Nachrichten, 21. August 1954 

Gäste – darunter auch ein Velofahrer – versammeln sich 1960 vor der Jugendherberge
Quelle: Stadtarchiv Luzern, B3.29/A448

In den späten 1970er Jahren zog die Jugendherberge ein paar Häuser weiter in einen Neubau und das Absonderungshaus wird seither als Künstleratelier genutzt. Äusserlich hat sich die Isolationsanstalt in den letzten 120 Jahren kaum verändert, doch die Umgebung hat sich gewandelt. Befand sich das Absonderungshaus bei der Inbetriebnahme noch abgeschieden am Stadtrand, ist es heutzutage von Wohnhäusern umgeben.

Das Absonderungshaus und die Desifenktionsanstalt heute, umgeben von Wohnhäusern und Spielplätzen

Verheerend und unscheinbar

Auf dem Heimweg radle ich an der neuen Jugendherberge vorbei. Während der ersten Corona-Pandemiewelle im Frühling 2020 waren dort mobilisierte Spitalsoldatinnen und Spitalsoldaten untergebracht, die im nahem Kantonsspital Dienst taten. Das Pedalen und die Suche nach den Erinnerungsorten band unterwegs meine Aufmerksamkeit.  Für einen Moment vergass ich die Pandemie und eine Unbeschwertheit stellte sich ein. Am Ende war ich doch überrascht, auf wieviele Orte mit medizinhistorischem Bezug ich unterwegs gestossen bin. Anders als viele politische Erinnerungsorte, die etwa als Denkmäler oder als repräsentative Gebäude ihren Zweck meist sehr deutlich mitteilen, ist man auf Vorwissen, Expertinnen und Experten oder freundliche Passantinnen und Passanten angewiesen, um die Spuren der Epidemien zu entdecken. Es scheint, dass sich vergangene Krankheiten – obwohl in der jeweiligen Zeit verheerend – nur unscheinbar in unsere Umwelt eingeschrieben haben. Umgekehrt prägt die Nutzung der Umwelt und die sozialgeographische Situation die Verbreitung der Krankheiten. Luzern war als Durchgangsort für Handeltreibende sowie Pilgerinnen und Pilger und später als Touristendestination stets exponiert für Pandemien. In den Pestzeiten wurden deshalb Grenzsperren verhängt, was durchaus zielführend war. Auch in der gegenwärtigen Pandemie kommen den Landesgrenzen besondere Bedeutungen zu und die Ein- und Ausreise ist schwieriger geworden. Grenzen werden (wieder) zu Hindernissen, die sich nicht mehr so leicht überwinden lassen – obwohl in der Gegenwart die Erreger paradoxerweise gerade überall vorkommen.

Da sich Grenzen meist in der maximalen Distanz zum Zentrum befinden, waren sie historisch der bevorzugte Ort zur Absonderung von Kranken. Die Seuchen- oder Isolationshäuser befanden sich in der jeweiligen Zeit stets in der Peripherie und wurden dann von der wachsenden Stadt wieder eingeholt. In der Covid-19-Pandemie scheint sich die Isolation hingegen ins gesellschaftliche Zentrum verlagert zu haben. Erkrankte werden nicht mehr geographisch abgesondert, sondern sie sollen sich selbstverantwortlich in die innerweltliche Isolation begeben. Und selbst bei einer medizinisch notwendigen Spitaleinweisung werden die PatientInnen nicht mehr räumlich entfernt, sondern funktional isoliert, damit gleichzeitig eine hochspezialisierte Betreuung möglich wird. Nichtsdestotrotz ist die vorübergehende Isolation und die damit einhergehende Kontaktreduzierung heute, wie wohl auch schon damals, eine Belastung für die individuelle Person. Dennoch ist die Isolation nach wie vor ein wirksames Mittel, um Ansteckungsraten zu reduzieren und die Bevölkerung vor den grassierenden Krankheiten zu schützen. Damit die gegenwärtigen Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie möglichst bald wieder der Vergangenheit angehören, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nur hoffen, dass die angelaufenen Impfkampagnen bald ihren Zweck erfüllen. Es bleibt dann zu sehen, welche sichtbaren Zeichen – vielleicht und gerade auch im Bereich der Fahrradinfrastruktur – von dieser Pandemie übrig bleiben werden.

Karte

Referenzen

Referenzen
1 Odermatt Bürgi, Regula 1989. Die Wegkreuze auf dem Allweg in: Ennetmoos. Jubiläumsbuch zur 600-Jahr-Feier 1389–1989 hrsg. von der Gemeinde Ennetmoos. Paul von Matt: Stans, S. 82–83.
2 Schüpbach, Werner 1983. Die Bevölkerung der Stadt Luzern 1850–1914. Demographie, Wohnverhältnisse, Hygiene und medizinische Versorgung. Rex-Verlag: Luzern, Stuttgart, S. 228–243.
3 Meyer, Renward 1871. Memorial betreffend das projektirte Absonderungshaus des Bürgerspitals. Meyer’sche Buchdruckerei: Luzern
4 Hermann, Claudia 2004. Das Luzerner Armenspital. Eine Architekturgeschichte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Spitalbauten im eidgenössischen und europäischen Vergleich. Schwabe: Basel, S. 53–55
5 Horat, Heinz 2008. Architektur und Städtebau im Untergrund. Die Geschichte vom Leben im Quartier in: Alex Willener et. al. (Hrsg.) Projekt BaBeL: Quartierentwicklung im Luzerner Untergund. Interact: Luzern, S. 12–15
6 Göttler, Werner 2001. Jakobus und die Stadt. Luzern am Weg nach Santiago de Compostela. Schwabe: Basel, S. 139–187
7 zit. nach Horat, Heinz 2008. Architektur und Städtebau im Untergrund. Die Geschichte vom Leben im Quartier in: Alex Willener et. al. (Hrsg.) Projekt BaBeL: Quartierentwicklung im Luzerner Untergund. Interact: Luzern, S. 19
8 Hermann, Claudia 2002. Gesundheit ist Lebensqualität: 100 Jahre Kantonsspital Luzern. Eine Ausstellung des Historischen Museums Luzern. Historisches Museum Luzern: Luzern
9 Lang, Beatrix 1995. Das Absonderungshaus im Hintergopplismoos. Luzerner Hauskalender (Meyer-Brattig). Jg. 194, S. 60–62
10 Luzerner Tagblatt, 13. April 1954; Luzerner Neueste Nachrichten, 21. August 1954

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.