Eine kleine Geschichte des Offroad-Rads (Teil 4)

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2000 bis heute und die (Re-)Erfindung des „Gravel Bikes“

Entgegen dem Trend der letzten Dekaden scheint das Mountainbike gegenwärtig an Attraktivität einzubüssen. Gleichzeitig wird das Rennrad für die Naturstrasse gerade als „Gravel Bike“ wieder neu erfunden. Aufgrund der Ähnlichkeiten zum Querrad wird die Lancierung des „Gravel Bikes“ auch als Marketingtrick beschrieben, bei dem alter Wein in neuen Schläuchen verkauft werde. Das mag eine treffende Beschreibung sein, doch bleibt dennoch das Rätsel, weshalb das Cyclocross-Rad eine Reinkarnation erlebt und warum das „Gravel Bike“ als neuer Fahrradtyp wahrgenommen wird.

Der „Warbird“ von Salsa ist eines der ersten spezifischen „Gravel Bikes“
Quelle: Salsa Cycles
(Das Bild verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Salsa Cycles)

Eine erste Erklärung könnte in der Veränderung des weiteren Kontextes der Offroad-Räder zu finden sein. Gerade der Mountainbikesport scheint sich, weniger im Rennkontext als vielmehr im Freizeitbereich, an einen Ort hin entwickelt zu haben, an dem anspruchsvolle Abfahrten mit Sprüngen und eine vollgefederte Maschine der Standard darstellt. In spektakulären und dadurch Aufmerksamkeit generierenden Videos wird das Mountainbike zunehmend als Maschine für das ganz Grobe präsentiert. Deutlich erkennt man diese Tendenz beispielsweise in einem Werbefilm von Red Bull, der auf die Evolution des Mountainbikes angespielt. Auch Werbevideos für den Mountainbikeurlaub in den Bündner Bergen kreieren ein Bild anspruchsvoller Trails, die nur mit viel Erfahrung, Athletik und etwas Verwegenheit gemeistert werden können. Um sich auf diese Strecken zu wagen, muss man offenbar ein „Spinnsiach“ [Spinner] sein oder über Superheldinnenkräfte verfügen. Die Radtechnik wurde mit Dämpfung, Federgabel, absenkbarer Sattelstütze und Scheibenbremsen immer komplexer. Gleichzeitig wurde die Auswahl an möglichen Mountainbikes grösser und unübersichtlicher.

Werbevideo für Mountainbike-Urlaub in den Bündner Bergen mit Bike Trials Pro Danny MacAskill
Quelle:
Graubuenden.ch

Dieses öffentliche Bild des Mountainbikes kann durch Ausfahrten mit erfahrenen Freunden oder in Berichten von Bekannten auf der persönlichen Ebene plausibilisiert werden. Das wiederum hat zur Folge, dass man sich als scheinbar weniger wagemutiger, athletischer oder erfahrener Fahrer vom Mountainbikesport abgehängt sieht (diese Erfahrung hat die britische Sportjournalistin Adele Mitchell pointiert formuliert). Diese Entwicklung erinnert an die öffentliche Wahrnehmung des Hochrades, das in den 1880er Jahren hauptsächlich mit jungen, sportlichen und draufgängerischen Männern assoziiert wurde, aber auch an die Einführung des leichten Rennrads der 1950er Jahre, das primär als spezialisiertes Sportgerät wahrgenommen wurde.

Aktuelle „Allmountain“ Bikes im Produktetest des Bike Mountainbike Magazins
Quelle:
Bike. Das Mountainbike Magazin

Auch wenn sich das hochgerüstete Mountainbike als Spassgerät für den Downhill der ursprünglichen Intention der Erfinder durchaus treu geblieben ist, haben viele Radlerinnen und Radler das Mountainbike als Chance genutzt, um abseits des Verkehrs auf unbefestigten Wegen in der Natur unterwegs zu sein. Doch dafür benötigt man nicht unbedingt eine dieser technisch komplexen Maschinen. Ein klassisches Mountainbike mit Federgabel ist für die meisten Anwenderinnen und Anwender mehr als ausreichend. Dadurch, dass sich das Mountainbike in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in eine Nische entwickelte, entstand wieder Raum für eine unkomplizierte, leicht zu handhabende und vielseitig einsetzbare Offroad-Maschine. Da aber durchaus auch noch Mountainbikes angeboten werden, die auf diese Bedürfnisse passen (etwa als Cross Country, Race- oder Einsteiger-MTBs), muss man vermuten, dass es noch weitere Gründe gibt, weshalb „Gravel Bikes“ einerseits Abnehmerinnen und Abnehmer finden und sie andererseits als Innovation im Bereich der Offroad-Räder wahrgenommen werden.

Aktuelle Hardtail-Mountainbikes im Produktetest vom Bike Mountainbike Magazin
Quelle: Bike. Das Mountainbike Magazin

Ein zweiter Grund könnte im weiteren kulturellen Kontext des neuerlichen Fahrradbooms seit den späten 2000er Jahren liegen. Seit der Jahrtausendwende wurden viele Jugendliche mit Rennrädern aus zweiter Hand und nicht mehr mit Mountainbikes ins Fahrradfahren sozialisiert. Der Trend der urbanen Fixed Gear Velos hat der ästhetisch und technisch schlanken Rennmaschine erneute Aufmerksamkeit verliehen. Es ist augenfällig, dass derzeit junge Menschen, gerade die hippen Trendsetterinnen und Trendsetter in den Städten, meist auf alten Rennern und nicht auf den mittlerweile etwas schwerfällig wirkenden Mountainbikes umher radeln. In diesem kulturellen Kontext scheinen Neuerungen im Rennradbereich, gerade wenn sie gleichzeitig vielseitige Einsetzbarkeit und Freiheit versprechen, äusserst anschlussfähig zu sein. Wenn gleichzeitig das Cyclocrossrad durch das Mountainbike in eine Nische gedrängt wurde und dadurch in Vergessenheit geraten ist, kann ein neues Offroad-Rennrad durchaus als Neuheit und als begehrenswert wahrgenommen werden.

Ein „Fixie“ mit einem Gang und Starrlauf
Quelle:
Wikimedia Commons

Schliesslich könnte auch die technische und geographische Herkunft des „Gravel Bikes“ mitverantwortlich gewesen sein, dass es als etwas Neues wahrgenommen wurde. Es scheint sich noch keine definitive Entstehungsgeschichte des „Gravel Bikes“ etabliert zu haben, vielmehr verbirgt sich seine Herkunft noch im Dunst der Geschichte. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass sein geographischer Ursprung in den Vereinigten Staaten liegt. Dort fanden die ersten Gravel Rennen – Langdistanzrennen auf lockerem Untergrund – der Gegenwart statt. Wenn man sich an die Anfänge des Radsports in Europa erinnert, scheint auch für diese Rennen zu gelten, dass schon mal Dagewesenes erneut erfunden und unter veränderten Bedingungen als Neuheit wahrgenommen wurde. 

Das „Dirty Kanza“, im mittleren Westen der USA, eines der ersten expliziten „Gravel“ Rennen
Quelle:  Youtub
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Um solche Rennen zu bestreiten wurden ursprünglich sowohl Mountainbikes wie auch Cyclocrosser oder gar normale Strassenrennräder verwendet. In einem Interview äussert sich Joe Meiser, Product Manager bei der Firma Salsa Cycles und „Gravel Bike“-Pionier, dass er während einem solchen Rennen auf einem Mountainbike feststellte, „you didn’t need that much bike“. Mit seinem Team begann er daraufhin mit der Entwicklung eines neuen Fahrrads. In der Selbstbeschreibung der Entwicklungsgeschichte des „Warbirds“, einem der ersten explizit als „Gravel Bike“ angepriesenen Velos, berichtet Sean Milen, ein Design Engineer von Salsa, dass primär am Cyclocrossvelo oder am herkömmlichen Rennrad angeknüpft wurde: “In those days, we were mainly riding cyclocross bikes, or whatever road bike you had that could fit slightly bigger tires.“ Auch wenn das Mountainbike das Interesse für das Abenteuer abseits der geteerten Strassen erneut geweckt hatte, scheint der „Warbird“ primär ein Nachkomme der älteren Cyclocrossräder zu sein. Beinahe landete man dann mit diesen neuen Fahrrädern wieder da, wo beispielsweise der Mountainbikepionier Charlie Cunningham in den späten 1970er Jahren mit seinen Radquervelos schon mal gewesen ist.

Das CCProto von Charlie Cunningham, 1979
Quelle:
Cunningham Bikes
(Jacquie Phelan und Charlie Cunningham danke ich für die freundliche Genehmigung zur Bildverwendung)

Angesichts der verwickelten Herkunftsgeschichte begannen unmittelbar mit der Lancierung dieser neuen Fahrrädern die bis heute andauernden Diskussionen um die Abgrenzung zum bereits etablierten Querrad. Stets wird der längere Radstand, die grössere Reifenbreite oder das etwas tiefere Tretlager als die primären technischen Unterschiede benannt. Meistens jedoch, gerade bei den Rädern im Einstiegssegment, existieren kaum Differenzen. Die Abgrenzungsbestrebungen scheinen sich nochmals zugespitzt zu haben, seit grosse, global agierende Fahrradhersteller den Trend des „Gravel Bikes“ übernommen und weltweit popularisiert haben. 

Gravel vs. Cyclocross Rad, Produkttest des Global Cycle Networks GCN
Quelle:
Youtube

Liest und schaut man sich durch die proliferierenden Abgrenzungsversuche der Reviews, dann fallen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf: Einerseits wird die Kategorie des „Gravel Bikes“, wenn auch technisch nicht oder nur in Feinheiten von den Cyclocrossrädern abgrenzbar, in ihrer Existenz meist nicht mehr angezweifelt. Andererseits scheinen sich die Abgrenzungsversuche deshalb nicht nur technischer Aspekte, sondern besonders auch kultureller Versatzstücke zu bedienen. Meist wird eine unterschiedliche historische Herkunft des „Gravel Bikes“ und des Cyclocross-Rades betont. Das eine komme aus den Vereinigten Staaten von Amerika und wird mit Vielseitigkeit, Freiheit und Abenteuer assoziiert, das andere stamme aus Europa und wird mit dem spezialisierten Einsatz im Rennsport in Verbindung gebracht. Obwohl das „Gravel Bike“ seine Entstehung mitunter dem Renneinsatz zu verdanken hat, scheinen in der Werbung und in den Reviews doch Bilder von Freiheit und Abenteuer zu dominieren. Auch Akteure auf den Sekundärmärkten aus dem Tourismus- oder Bekleidungsbereich machen sich diese Imaginationen zunutze – und reproduzieren sie gleichzeitig. Mit den „Gravel Bikes“ lässt es sich sowohl auf geteerten Strassen als auch auf Naturstrassen Spass haben und man kann mit Freunden auf langen Ausfahrten der Abenteuerlust frönen.

Werbung für Gravel-Touren im Bündnerland
Quelle:
Youtube

Eine diskontinuierliche Entwicklung und die wiederholte Spezialisierung des Offroad-Velos

Blickt man auf die Geschichte des Offrad-Velos während der letzten 150 Jahren zurück, dann wird die technischsoziologische Erkenntnis bestätigt, dass Innovationen immer auch einen sozialen Kontext benötigen, der diese Neuheiten als begehrenswert, als wünschenswerte Weiterentwicklung oder als Effizienzgewinn erscheinen lässt. Fehlt diese soziale Umwelt, dann können technische Neuerungen kaum gedeihen. Besonders sichtbar wird das an den unterschiedlichen Bestrebungen in den 1950er Jahren, die vielfach Innovationen des späteren Mountainbikes vorneweg genommen haben. Obwohl diese Erfindungen bereits damals eine Anhängerschaft und eine relative Sichtbarkeit hatten, war ihnen kein nachhaltiger Erfolg beschieden. 

Die Geschichte des Offroad-Velos zeigt ebenfalls eindrücklich, dass die Entwicklung des Rads für unbefestigte Wege und Naturstrassen keine lineare Evolution darstellt, in der der eine Fahrradtyp – wie auch immer von trial-and-error-Prozessen begleitet – aus seinem unmittelbaren Vorgänger entwickelt worden wäre. Die Geschichte des Offroad-Rades ist vielmehr eine diskontinuierliche Geschichte, in der die entscheidenden Anstösse meist aus vielfältigen und unterschiedlichen sozialen Kontexten stammten. Zu Beginn der Fahrradgeschichte war die Infrastruktur derart ausgestaltet, dass das normale Velo ein offroad-Rad avant la lettre sein musste. Mit dem Aufkommen des Automobils und zunehmend mehr asphaltierten Strassen, passte sich das Rad den neuen Bedingungen an und wurde zur filigranen Strassenmaschine. Die Erfinder und Popularisierer der Mountainbikes in den 1970er Jahren knüpften technisch jedoch nicht am Rennrad, sondern an den älteren „Balloon Tire Bikes“ aus den 1930ern an. Am Ende des 30 Jahre dauernden Mountainbike-Booms wurde das Offroad-Rad immer mehr zum technisch komplexen Gerät, das primär auf anspruchsvollen Abfahrten eingesetzt werden soll. In den meisten Einsätzen benötigt man jedoch nicht derart „viel“ Velo und viele Anwenderinnen und Anwender fahren nur bedingt Strecken, die eine solche Maschine notwendig machen würden. In diesem Kontext konnten wieder Ideen einer leichteren, unkomplizierteren Offroad-Maschine Erfolg haben, die nun mit dem „Gravel Bike“ das Licht der Fahrradwelt erblickten. Obwohl sich dessen Innovatoren auch von der Mountainbikewelt inspirieren liessen, scheinen die entscheidenden Anstösse und technischen Vorlagen aus dem Cyclocross und damit aus der Zeit vor dem Mountainbike zu stammen.

Blickt man mit etwas Distanz auf diese Geschichte, sieht man, dass sich die Radtechnik im Zusammenspiel mit dem weiteren infrastrukturellen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext ihres Einsatzes spezialisierte und sich in eine soziale Nische entwickelte. Es lässt sich daher vermuten, dass auch dem „Gravel Bike“ eine ähnliche Zukunft beschieden ist. Anzeichen dafür, dass dieser Prozess bereits wieder begonnen hat, lassen sich vielleicht bereits ausmachen: Die ursprünglich als Alternative zum etablierten Rennfahrzirkus präsentierten „Gravel Grinder“ werden professionalisiert. Dieses Jahr bestreiten zum Beispiel Fahrer eines UCI Pro Teams das Dirty Kanza oder in den traditionellen Rennkalender des Profirennsports werden wieder Rennen mit hohen Gravelanteilen aufgenommen. Auch in technischer Hinsicht werden Neuheiten wie futuristische Lenker oder Komponenten-Gruppen für das „Gravel Bike“ entwickelt, die es zunehmend spezialisieren (und gleichzeitig auch verteuern). Wer diese womöglich beginnende Spezialisierung bedauert, der oder die mag jedoch in der Geschichte des Offroad-Velos Trost finden. Die Geschichte legt nahe, dass dereinst wieder ein neues Offroad-Velo kommen wird, dass sich einmal mehr als unkompliziert, bequem und vielseitig anpreisen wird.

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