Der Königsmörder von Eschenbach

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Auch ich konnte mich den Verheissungen der „Gravel Bikes“ nicht entziehen. Für mein Bestreben, verkehrsberuhigte und attraktive Velorouten abseits von stark befahrenen Überlandstrassen zu suchen, erweisen sich offroad-Sektionen als grosser Vorteil. Sie erweitern nicht nur den Fundus für die Routenplanung, sondern sie wirken als Barriere für Autos. Selbst SUVs, die für den offroad-Einsatz prädestiniert wären, findet man nur in den seltensten Fällen abseits der geteerten Strassen. Dank dem geländegängigen Rennrad lerne ich Strassen und Wege neben den üblichen Routen kennen und entdecke dabei historische Gebäude und Überreste von Burgen, die von der Geschichte der Umgebung zeugen. Ich staune, als ich auf einer Tour durch die Agglomeration Luzerns eine unscheinbare Mauer in einer abseits liegenden Wiese entdecke, hinter der sich eine Geschichte von Verrat und Mord mit europäischer Dimension verbirgt.

Mein Ausflug beginnt an einem  schönen Herbsttag in Luzern und führt mich der Reuss entlang nach Nordosten. Der Radweg an der Reuss ist eine beliebte Ausfallstrecke aus Luzern und verbindet die Stadt mit dem Entwicklungsgebiet um den Seetalplatz in Emmenbrücke.

Der Veloweg an der Reuss

Ich quere die kleine Emme auf einer Rad- und Fussbrücke und folge dem Flusslauf der Reuss über Emmen hinaus. Der Blick fällt auf die Hinterbühne der Stadt Luzern. Versteckt vor dem Touristenblick thront hier die regionale Kehrichtverbrennungsanlage über der Reuss.

Der Radweg an der Reuss und die regionale Kehrrichtverbrennungsanlage auf der anderen Seite des Flusses

Der Radweg im Schiltwald wurde im vergangenen Jahr erneuert und geteert. Am Ende des neugebauten Teils verlasse ich den offiziellen Radweg und biege links ab. Die Route führt mich auf einer Schotterstrecke durch den Ober und den Under Schiltwald. Zwischen den beiden Waldteilen treffe ich auf den ruhig dahinfliessenden Rotbach, den ich nun fast bis zu seiner Einmündung in die Reuss begleiten werde.

Der Schotterweg führt dem hinter den Büschen dahinplätschernden Rotbach entlang

Als ich den Under Schiltwald verlasse, biege ich links auf einen schmalen Pfad ein und pedale dem Rotbach entlang weiter. In unmittelbarer Nähe liegt ein zentrales Hochspannungswerk bei dem die Stromleitungen des Atomkraftwerks Gösgen mit den alpenquerenden Hochspannungslinien über den Lukmanier und den Gotthard zusammenlaufen. Umso erfreulicher ist es, dass sich im Schatten der Hochspannungsanlage ein derart idyllischer Weg verborgen hält.

Der schmale Pfad in der Nähe des Hochspannungswerks Mettlen

Auf der rechten Seite des zierlichen Weges wogen an diesem schönen Herbsttag die reifen Maisfelder und die sonnengedorrten Blätter rauschen im Wind. Kaum radle ich beschwingt weiter, dringt ein Brummen an mein Ohr. Die bukolische Szenerie wird von den Lärmemissionen der nicht allzu fernen Autobahn umspielt. Den sonoren Ton integriere ich in die Szene und geniesse weiterhin meine Rundfahrt. Kurz darauf spüre ich einen leichten Schauer. Etwas verwundert stelle ich fest, dass er wohl von der Hochspannungsleitung über meinem Kopf herrührt. Die erste Reaktion ist leichte Entrüstung über diese erneute Störung der landschaftlichen Idylle, doch dann scheint mir das sensorische Gesamterlebnis äusserst passend für eine Velotour an der fliessenden Grenze zwischen Stadt und Land.

Das Maisfeld und die Hochspannungsleitung als sensorische Erfahrung

Staunend über meine widersprüchlichen Empfindungen gelange ich zuerst wieder auf einen geteerten Weg und dann zu einer kleinen Brücke, die mich zum historischen Kernstück dieser Velotour führt. Als ich vor der Tour die Karte studiert habe, entdeckte ich den Vermerk Burgstelle Alt Eschenbach, der meine Neugierde entfachte.

Als ich mich nun zwischen Rotbach und Winkelbach befand, konnte ich auf einem Feld die Überreste einer Mauer ausmachen. Eine Tafel informiert darüber, dass die Mauer ein Überbleibsel der historischen Stadt Eschenbach sei und dass sich hier die Stammburg der Freiherren von Eschenbach befunden hätte.

Die Burgstelle Alt Eschenbach

Die Anlage umfasste eine Burg und ein kleines Städtchen, wovon heute die Überreste mehrerer Mauern, das Fundament des Burgturms und ein Brunnen sichtbar sind. Nach der Tour habe ich im Grabungsbericht von 1995 gelesen, dass die heute sichtbaren Mauerfragmente allerdings erst Anfang der 1980er Jahre anlässlich der 600-Jahr-Feier von Stadt und Land Luzern wieder aufgebaut wurden.1Rickenbach, Judith (Hg.) 1995. Alt-Eschenbach: Eine spätmittelalterliche Stadtwüstung: Kantonaler Lehrmittelverlag Luzern. Archäologische Schriften Luzern, 3, S. 27-28. Was historisch interessierte Betrachterinnen und Betrachter heute sehen, sind mit Steinen und historisch anmutendem Mörtel verblendete Betonschalen. Die ursprünglichen Mauerfundamente liegen im Erdreich darunter begraben. Dennoch sind sie stumme Zeugen von schicksalshaften Ereignissen im noch jungen 14. Jahrhundert.

Die überwachsene – und wieder aufgebaute – Ruine des Wohnturms

Bei einer kleinen Recherche war ich überrascht, als ich herausgefunden habe, dass die Freiherren von Eschenbach im 12. und 13. Jahrhundert ein einflussreiches Adelsgeschlecht waren. Während der grössten Ausdehnung reichte ihr Herrschaftsgebiet vom Elsass bis ins Berner Oberland. Sie haben das Kloster in Kappel am Albis gestiftet und es wird gar vermutet, dass die Gründung der Stadt Luzern auf Bestrebungen dieser Adelsfamilie zurückging.

Das Familienwappen der von Eschenbachs
Quelle: Wikimedia Commons

Im späten 13. Jahrhundert befand sich die Familie allerdings bereits im Niedergang und musste wiederholt Besitztümer veräussern. Der endgültige Machtverlust kam 1308 als sich Walther IV. von Eschenbach an der Ermordung des römisch-deutschen Königs Albrecht I. beteiligte. Und damit sind wir bei jenen Ereignissen angelangt, von denen die Überreste heute noch zeugen.

Die Ermordung Albrechts I. bei Brugg
Quelle: Wikimedia Commons

In der Blutrache für den Königsmord haben die Habsburger die Burg der Eschenbacher und das umliegende Städtchen dem Erdboden gleichgemacht. Der neugewählte Kaiser hat über die Attentäter die Reichsacht verhängt, der Walther IV. jedoch im Württembergischen, als einfacher Schafhirt getarnt, entgangen zu sein scheint.

Der Sodbrunnen der alten Stadt Eschenbach

Während ich die rekonstruierten Überreste der Burgmauern betrachte, versuche ich mir ein Bild der damaligen Geschehnisse zu machen. Wussten die Bewohnerinnen und Bewohner der Burg und der umliegenden Häuser von ihrem Schicksal? Wurden sie vorgewarnt und es blieb Zeit zu packen und Kostbarkeiten in Sicherheit zu bringen? Waren sie wütend über die Tat von Walther IV. oder machten sie vielmehr die anrückenden Habsburgischen Truppen für ihr Schicksal verantwortlich? In einer Zeit als es noch kein motorisiertes  Gerät für den Abriss gab, war die Schleifung wohl ein gewaltiges Unterfangen mit vielen Beteiligten, die ihrerseits wieder untergebracht und versorgt werden wollten. Ein rudimentärer Eindruck könnte eine Darstellung aus dem Jahr 1576 geben. Sie wurde fast 250 Jahre nach den historischen Ereignissen angefertigt und ist deswegen wohl mit der gebotenen Vorsicht zu betrachten. Darauf ist die Schleifung der Schnabelburg am Albis dargestellt, die als Besitztum der von Eschenbachs ebenfalls der Habsburgischen Blutrache zum Opfer fiel.

Die Zerstörung der Schnabelburg am Albis
Quelle: Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 16: 1, p. 137

Über diese Fragen sinnierend setzte ich meine Radtour fort. Ich erreiche Inwil und sehe ein langgezogenes Fabrikgebäude, das allerdings im Verfall zu stehen scheint. Es ist ein Zeugnis der Industrialisierung des frühen 20. Jahrhunderts und war die Produktionsstätte einer lokalen Ziegelei. Die Firma existiert noch immer, doch für das Produktionsgebäude scheint man keine Verwendung mehr zu haben. Eine Passantin informiert mich, dass das Gebäude in Kürze abgerissen werden soll, um neuem Wohnraum Platz zu machen.

Ehemaliges Produktionsgebäude einer Ziegelei in Inwil

Vorbei geht es an der Dorfkirche, einem Bau aus dem späten 18. Jahrhundert, und wieder hinein in den Wald. Eine direkt anfangs Wald liegende, enorm steile und mit Steinbrocken übersäte Passage bewältige ich halb fahrend, halb schiebend.

Die Kirche in Inwil

Der herbstliche Wald und der Blick auf den Pilatus und die Rigi lenken vorerst von den historischen Fragen ab. Bis ich dann an einem Abhang wieder auf mittelalterliche Überreste stosse. Auf der Karte konnte ich die Burgstelle Iberg ausmachen. An strategisch guter Position über der Reussebene hat hier wohl einst eine Burg gestanden.

Die Burgstelle Iberg über der Reussebene

Über das Schicksal dieser Feste konnte ich jedoch nur wenig herausfinden. Es war wohl der Sitz des ehemaligen Adelsgeschlechts der Ibergs, die vom 12. bis  ins 14. Jahrhundert hinein urkundlich erwähnt sind. Bereits im frühen 15. Jahrhundert wurde die Burg allerdings als Ruine beschrieben und Mitte des 17. Jahrhunderts erlaubte der Rat von Luzern, dass man die Ruine als Steinbruch für den Kirchenumbau in Dietwil verwenden könne.2Reinle, Adolf 1963. Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern. Bd. VI: Das Amt Hochdorf. Basel: Birkhäuser, S. 219. Überreste der Mauer lassen sich heute nur noch bei ganz genauem Hinsehen erahnen.

Die Mauerfundamente am Burghügel sind überwuchert und kaum mehr sichtbar

Unterhalb der ehemaligen Burg schlängelt sich die Strasse in Serpentinen in die Reussebene hinein. Aus heutiger Sicht wirkt es befremdlich, dass man hier in den 1960er Jahren den Bau eines Atomkraftwerks ins Auge gefasst hat und das Vorhaben 1973 an der Urne gar angenommen wurde.3Fischer, Raffael 2014. Kein AKW an der Reuss. Das nicht realisierte Projekt eines Atomkraftwerks in Inwil. Geschichte Kultur Gesellschaft 32. S. 79–102. Bald darauf ist das Projekt jedoch versandet. Deshalb kann man heute noch den weiten Blick in Richtung Freiamt beinahe unverstellt geniessen. 

Die Strasse schlängelt sich in Serpentinen in die Ebene

Zurück in der Fläche radle ich an Landwirtschaftsbetrieben, an Schafherden, an Feldern und an ruhig dahin fliessenden Bächlein vorbei.

Weidende Schafe auf der Deitwiler Allmend

Der östlichste Punkt meiner Ausfahrt ist erreicht und in einer Schlaufe nach rechts erreiche ich eine Eisenbahnbrücke, die mich ans andere Flussufer bringt. Dabei erhasche ich einen beinahe romantischen Blick auf die Reuss und den dahinter liegenden Pilatus in der Ferne.

Die Reuss beim Überqueren der Eisenbahnbrücke mit dem Pilatus im Hintergrund

Zurück nach Luzern geht es erst auf einem schmalen Pfad, ab Gisikon dann wieder auf dem offiziellen Radweg entlang der Reuss.

Der Pfad entlang der Reuss zwischen Rotkreuz und Honau

Auf dem Heimweg lasse ich die Tour vor dem geistigen Auge vorbeiziehen. Ich denke an die wogenden Maisfelder, der herbstliche Wald und die kleinen Bächlein, die mich begleitet haben. Aber auch das stetige Rauschen der nahen Autobahn kommt mir in den Sinn und die überraschend prickelnde Empfindung als ich unter der Hochspannungsleitung durchgeradelt bin. Hauptsächlich hänge ich aber dem Gedanken nach, was wohl Walther IV. von Eschenbach zur Beteiligung am Königsmord getrieben haben mag. War es Rache dafür, dass die Freiherren von Eschenbach – wie viele weitere damalige Adelsleute aus dem Mittelland – Besitztümer an die Habsburger verkaufen mussten? War er getrieben von Gram über den eigenen Bedeutungsverlust und von Missgunst über die neuen Mächtigen im Lande? Erhoffte er sich Zuwendungen von den Gegnern des Königs, so denn sie dereinst an die Macht kommen sollten?

Der Radweg an der Reuss bei Emmen

Schliesslich frage ich mich, weshalb diese Geschichte von Widerstand und Königsmord nicht in unsere kollektiven Mythen eingegangen ist. Die Voraussetzungen dafür wären doch durchaus gegeben gewesen: Die Überreste einer zerstörten Burg als greifbarer Erinnerungsort, gut (vielleicht zu gut?) dokumentierte Akteure und eine womöglich tragische Geschichte von Ausbeutung, Machtverlust und Verzweiflung. Offenbar wurde das durchaus versucht, doch Hinweise darauf (und gleichzeitig vielleicht auch ein Grund dafür), weshalb der Königsmord vergleichsweise selten erinnert wird, lassen sich in Friedrich Schillers Drama über Wilhelm Tell finden: Ganz am Ende, in der zweiten Szene des fünften Aufzugs, bekommt Tell Besuch von einem seltsamen Mönch, der sich bald als Johann von Schwaben entpuppt. Johann war der geprellte Neffe und Mörder von Albrecht I. Schiller lässt ihn bei Tell – von Tyrannenmörder zu Tyrannenmörder – um Verständnis und Hilfe vor den Habsburgischen Truppen bitten. Beides wird ihm jedoch von Tell verweigert, da er – Tell – sich aus Notwehr zum Mord gedrängt sah, während Johann doch aus egoistischen Motiven zum Mörder geworden sei: „Darfst du“, fragt Tell rhetorisch, „der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen mit der gerechten Notwehr eines Vaters?“

Damit lässt sich bei Schiller nachlesen, dass die Geschichte vom verarmten Hochadeligen, der in seiner Verzweiflung und Angesichts des Ehr- und Machtverlusts zum Königsmörder bzw. zu seinem Gehilfen wird, wohl wenig kompatibel ist mit einem schweizerischen Gründungsmythos, der auf einem selbstlos nach Unabhängigkeit strebenden Bauernvolk aufruht. Schiller dienen Albrechts Mörder zur moralischen Absicherung von Tell und gleichzeitig werden sie dadurch aus dem eidgenössischen Gründungsmythos als untauglich ausgeschieden. Ein Johann kann offenbar kein Wilhelm sein.

Am Ende wurde diese Velotour eine Reise ins „Retroland“. Sie hat mich an historische Stätten mit modernem Kern und an idyllische Orte mit mechanisch-elektrischen Sinneserlebnissen geführt. Ich habe eine spannende Episode aus der regionalen Geschichte kennengelernt, die erstaunlich überregionale – gar europaweite – Verflechtungen aufweist. Die Tour hat angeregt darüber nachzudenken, wie wir uns an vergangene Geschehnisse erinnern, wie wir die historischen Ereignisse und Artefakte jeweils in den Dienst unserer Gegenwart stellen und wie wir dadurch gleichzeitig unsere eigene Geschichte stets neu schreiben.

Karte

Referenzen   [ + ]

1. Rickenbach, Judith (Hg.) 1995. Alt-Eschenbach: Eine spätmittelalterliche Stadtwüstung: Kantonaler Lehrmittelverlag Luzern. Archäologische Schriften Luzern, 3, S. 27-28.
2. Reinle, Adolf 1963. Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern. Bd. VI: Das Amt Hochdorf. Basel: Birkhäuser, S. 219.
3. Fischer, Raffael 2014. Kein AKW an der Reuss. Das nicht realisierte Projekt eines Atomkraftwerks in Inwil. Geschichte Kultur Gesellschaft 32. S. 79–102.

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